DOC EISENBARTH … Komische Ärzte in der Literatur

19.10.21
KulturKultur, TopNews 

 

Texte für ein Bühnenspektakel in Coronazeiten

ausgewählt von Wilma Ruth Albrecht (2021)

Seit es Ärzte als Profession gibt, sei es als studierte Archiater für den Adel oder als handwerkliche Bader und Feldscher fürs Volk, wurden sie als Kurpfuscher oder Quacksalber der Lächerlichkeit preisgegeben. Das um Achtzehnhundert entstandene Studenten- und Trinklied über den „Doktor Eisenbart“ verbreitete sich schnell als populäres Volks- und Kinderlied, das selbst noch zu Beginn der fünfziger Jahre im letzten Jahrhundert unter uns Kindern gegrölt wurde:

Ich bin der Doktor Eisenbarth

Willewillewitt, bumbum!

Kurier´ die Leut´ nach meiner Art,

Willewillewitt, bumbum!

Kann machen, daß die Blinden geh´n

Willewillewitt, bumbum!

Und daß die Lahmen wieder seh´n,

Willewillewitt, juchhei!


Vertraut sich mir malein Patient,

So mach´ er erst sein Testament,

Ich schicke niemand aus der Welt,

Bevor er nicht sein Haus bestellt.


Das ist die Art, wie ich kurier´,

Sie ist probat, ich bürg´ dafür,

Daß jedes Mittel Wirkung tut,

Schwör ich bei meinem Doktorhut.


Und auch die Alten fanden an diesem Doktor ihren Spaß: So widmete der Komponist Nico Dostal (1895-1981) dem Doktor Eisenbarth sogar eine Operette, als „ein großartiges Spektakulum in sieben Bildern“, die 1952 in Nürnberg aufgeführt wurde. Und selbst die Schlagerwelt verspottete den Medizindoktor: der aus den USA stammende, in Westdeutschland zum Plattenstar aufsteigende Gus Backus ließ seiner Sauerkraut-Polka eine erweiterte Eisenbarth-Polka (https://www.youtube.com/watch?v=BLu8UFe9uVM) 1966 folgen.


Jetzt, mehr als ein halbes Jahrhundert später, erstarren die Menschen vor Medizinern als „Halbgötter in Weiß“. die in der Kunst hingegen allzu oft groteske Figuren abgaben.


Zu Hochzeiten des Absolutismus unterm „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. setzte Molière (1622-1673) nicht nur Argan als eingebildeten Kranken (Le Malade imaginaire, 1673) der Lächerlichkeit aus sondern entlarvte und verspottete in den Ärzten Purgon, Diaforius, seinem Sohn Thomas Diaforius sowie dem Apotheker Fleurant die Arroganz, Geldgier, Einschüchterungsmethoden (3. Akt, 5. Szene) und Unwissenheit (3. Akt, 10. Szene) der Mediziner. Darüber hinaus enthält das Schauspiel außer den komödiantischen Szenen auch den aufklärerischen Dialog zwischen Argan und seinem Bruder Berald (3. Akt, 3. Szene). In ihm werden Argumente vorgestellt, die in der gegenwärtigen Krise um Gesundheit nichts an Aktualität verloren haben:


Berald. Ist es möglich, daß du dauernd auf Ärzte und Apotheker versessen bleibst? und den Menschen und der Natur zum Trotz krank sein willst?

Argan. Was meinst du damit?

Berald. Daß ich niemanden kenne, der weniger krank wäre als du. Ich wünschte mir keine bessere Veranlagung als die deine. Der beste Beweis für die Gesundheit deines Körpers ist, daß du dich trotz aller Pflege wohl befindest und trotz aller Anstrengungen deine gute Natur noch nicht verdorben hast. Ja, all die Arzeneien, die man dich schlucken ließ, haben dich nicht umgebracht.

Argan. Weißt du denn nicht, daß sie allein mich am Leben erhalten? Daß Doktor Purgon sagt, ich wäre fertig, wenn er nur drei Tage nicht auf mich achtgäbe?

Berald. Gib du nur acht, daß seine Kunst dich nicht in die andere Welt schickt!

Argan. Laß uns vernünftig reden, Bruder! Du scheinst an die Medizin nicht zu glauben?

Berald. Nein! Ich halte diesen Glauben für sehr unnötig.

Argan. Wie? Du bist von einer Sache nicht überzeugt, die für die ganze Welt feststeht und von allen Zeiten hoch verehrt wird?

Berald. Für mich steht sie sowenig fest, daß ich sie für eine der größten Narrheiten halte, die unter den Menschen vorkommt. Es ist eine alberne Täuschung, es ist eine fratzenhafte Lächerlichkeit, wenn ein Mensch sich anmaßt, einen andern heilen zu wollen.

Argan. Warum bestehst du darauf, daß ein Mensch den andern nicht heilen kann?

Berald. Einfach deshalb, weil die Federn unserer Maschine noch immer geheimnisvoll sind. Kein menschliches Auge hat sie richtig gesehen. Die Natur hat unsere Sinne zu dicht verschleiert, um irgend etwas unterscheiden zu können.

Argan. Nach deiner Ansicht verstehen die Ärzte also nichts?

Berald. Doch. Die meisten verstehen sich ausgezeichnet auf die alten Sprachen. Sie sprechen ein klassisches Latein. Sie nennen alle Krankheiten bei ihren griechischen Namen. Sie beschreiben und teilen sie höchst ordentlich ein. Nur wie sie zu heilen sind, davon verstehen sie gar nichts.

Argan. Immerhin wirst du zugeben, sie verstehen davon mehr als die andern Menschen.

Berald. Nur in der Beziehung, wie vorhin erwähnt. Damit kuriert man aber nicht viel. Die Herrlichkeit ihrer Wissenschaft besteht in einem hochtrabenden Galimathias, in einem blendenden Wortschwall, der statt der Diagnose Phrasen gibt und statt der Behandlung Versprechungen.

Argan. Am Ende gibt es andere Leute, die ebenso klug und erfahren sind wie du, lieber Bruder. Trotzdem erleben wir, wenn sie krank werden, daß sie alle sich an die Ärzte wenden.

Berald. Das ist ein Beweis für die menschliche Schwäche. Aber keineswegs für die Güte dieser Wissenschaft.

Argan. Die Ärzte selbst aber müssen doch daran glauben, da sie ihre Kunst auch an sich selbst anwenden!

Berald. Einige von ihnen sind selbst dem allgemeinen Irrtum verfallen, der ihnen Nutzen bringt. Andere nehmen den Nutzen, ohne im Irrtum zu sein. Dein Herr Purgon zum Beispiel gehört zu den Unzweideutigen. Der ist ganz Arzt vom Kopf bis zu den Füßen. Der glaubt an seine Regeln fester als an mathematische Beweise. Dem käme es wie ein Verbrechen vor, sie nachprüfen zu wollen. In der ganzen Heilkunde sieht er keinen dunklen Punkt. Nichts ist zweifelhaft, nichts ist schwierig. Mit dem ganzen Ungestüm des Vorurteils, mit der Schroffheit des Selbstvertrauens, mit der Brutalität des gewöhnlichen Menschenverstandes geht er drauf los mit Spülungen und Aderlässen, und nichts bringt ihn davon ab. Man darf ihn für das Unheil, das er bei dir anrichten kann, nicht übel ansehen: er wird dich im besten Glauben erledigen. Wenn er dich umbringt, behandelt er dich nicht schlechter als seine Frau und seine Kinder, ja im Notfall schreckt er auch vor sich selbst nicht zurück.

Argan. Ich weiß schon. Du hast etwas gegen ihn. Aber sprechen wir sachlich. Was tut man, wenn man krank ist?

Berald. Nichts, Bruder.

Argan. Nichts?

Berald. Nichts. Man verhält sich nur ruhig. Lassen wir die Natur handeln, so hilft sie sich selbst am besten. Unsere Unruhe, unsere Ungeduld, die verdirbt alles. Die meisten Menschen sterben an ihren Arzeneien, nicht an ihren Krankheiten.

Argan. Du kannst nicht leugnen, daß man die Natur unterstützen kann.

Berald. Mein Gott, das sind Gedanken, mit denen wir uns nur schmeicheln. Von jeher sind die Menschen solchen Einbildungen verfallen, weil sie ihrer Eitelkeit und ihren Wünschen entsprechen. Verspricht dir ein Arzt, er werde der Natur nachhelfen, fortnehmen was schadet und hinzufügen was fehlt und ihre freien Funktionen wiederherstellen; – wenn er dir sagt, er sei dabei, dein Blut zu verbessern, Gehirn und Eingeweide zu temperieren, deine Milz abzuschwellen, deine Brust zu erleichtern, deine Leber gesund zu machen, dein Herz zu stärken, die natürliche Wärme zu erneuern und zu erhalten; – wenn er behauptet, er besitze geheime Mittel, dein Leben um viele Jahre zu verlängern: so erzählt er dir den ganzen Roman der Heilkunde. Kommt es aber zu alldem und du befragst deine Erfahrungen, so stehst du vor dem Nichts. Du hast das Gefühl wie nach einem schönen Traum, der dir beim Erwachen nur die Mißstimmung läßt, ihn geträumt zu haben.

Argan. Alle Weisheit der Welt haust also in deinem Kopf! Du verstehst mehr als die großen Ärzte unserer Zeit!

Berald. Deine großen Ärzte sind nur sehr verschieden, hörst du sie sprechen oder fühlst du sie behandeln. Im ersten sind sie überaus geschickt, im zweiten vollkommen unfähig.

Argan. Ha, du bist ein großer Gelehrter, hätte ich nur einen von den Herren zugegen, der würde dein Geschwätz gehörig heimschicken.

Berald. Ich habe mir durchaus nicht die Aufgabe gestellt, gegen die Medizin zu kämpfen. Jeder mag auf seine Gefahr und Kosten daran glauben, soviel er will. Ich sprach nur unter uns. Und im Wunsche, dich dem richtigen Wege etwas näherzubringen. Übrigens würde ich dich, zur Sache, ganz gern einmal in eine von Molières Komödien führen.

Argan. Dein Molière mit seinen frechen Komödien wäre mir der Rechte! Ich finde es unerhört, anständige Leute wie unsere Ärzte lächerlich zu machen.

Berald. Nicht die Ärzte macht er lächerlich, sondern die Lächerlichkeit ihres Handwerks.

Argan. Als ob er der Mann wäre, die Heilkunst zu beherrschen! Was, dieser dreiste, einfältige Mensch will sich über Konsultationen und Rezepte lustig machen, will sich am Körper der Fakultät vergreifen und verehrungswürdige ärztliche Persönlichkeiten auf sein Theater bringen!

Berald. Was soll er sonst aufs Theater bringen als die verschiedenen menschlichen Berufe? Täglich siehst du ja Fürsten und Könige auf der Bühne, die aus ebenso gutem Hause sind wie die Ärzte.

Argan. Hol' mich – fast hätte ich gesagt, der Teufel! Wenn ich wie die Ärzte wäre, ich würde mich für seine Unverschämtheit rächen: würde er krank, ich ließe ihn hilflos sterben. Da sollte er tun und sagen, was er wollte, ich verordnete ihm nicht den kleinsten Aderlaß, nicht die geringste, nicht die kleinste Spülung, ich spräche zu ihm: Krepiere, krepiere! Das wird dir beibringen, noch einmal über uns zu spotten!

Berald. Du bist ja voller Wut gegen ihn.

Argan. Das ist ein ahnungsloser Mensch! Wenn die Ärzte gescheit sind, tun sie, wie ich sagte.

Berald. Er wird noch gescheiter als die Ärzte sein und sich gar nicht an sie wenden.

Argan. Um so schlimmer für ihn, wenn er von ihren Mitteln nichts zu hoffen hat.

Berald. Er hofft aus guten Gründen nichts davon. Er meint, das könnten sich nur kräftige und widerstandsfähige Naturen erlauben. Nur Menschen, die stark genug sind, um außer der Krankheit auch noch die Arzeneien auszuhalten. Während er nur gerade soviel Zähigkeit habe, seine Krankheit zu überstehen.



Auch Johann Wolfgang Goethe verspottete im „Faust. Der Trgödie erster Teil“ (1779/1808) die Medizin als akademische Disziplin und versah seine Kritik mit einem teuflischen Unterton. In der Szene „Im Studierzimmer“ (Vers 2001-2037) klärt ein als Gelehrter verkleideter Mephistopheles den Schüler über den Studieninhalt der Medizin so auf:


Schüler:

Verzeiht, ich halt Euch auf mit vielen Fragen,
Allem ich muß Euch noch bemühn.
Wollt Ihr mir von der Medizin
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
Drei Jahr ist eine kurze Zeit,
Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
Läßt sich's schon eher weiter fühlen.

Mephistopheles (für sich):

Ich bin des trocknen Tons nun satt,
Muß wieder recht den Teufel spielen.
(Laut.) Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
Ihr durchstudiert die groß, und kleine Welt,
Um es am Ende gehn zu lassen,
Wie's Gott gefällt.
Vergebens, daß Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;
Doch der den Augenblick ergreift,
Das ist der rechte Mann.
Ihr seid noch ziemlich wohl gebaut,
An Kühnheit wird's Euch auch nicht fehlen,
Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,
Vertrauen Euch die andern Seelen.
Besonders lernt die Weiber führen;
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus einem Punkte zu kurieren,
Und wenn Ihr halbweg ehrbar tut,
Dann habt Ihr sie all unterm Hut.
Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,
Daß Eure Kunst viel Künste übersteigt;
Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
Wohl um die schlanke Hüfte frei,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.

Schüler:

Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.

Mephistopheles:

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.


In den nachfolgenden Jahrzehnten erstarrte die amüsiert lächelnde Miene angesichts von Medizin-und Ärztekritik: mit der Annnäherung der Medizin an die unter kontrollierten Laborbedingungen arbeitenden Naturwissenschaften und der Übernahme deren abstrakten Methoden verlor die Kritik an Ärzten ihren humoristischen Charakter und nahm eher menschenverachtende, zynische Züge an. So in Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ (1836/37), in dem der Doktor kaltblütig Experimente am und mit Menschen durchführt:


Beim Doktor

Woyzeck. Der Doktor.

Doktor: Was erleb' ich, Woyzeck? Ein Mann von Wort!

Woyzeck: Was denn, Herr Doktor?

Doktor: Ich hab's gesehn, Woyzeck; er hat auf die Straß gepißt, an die Wand gepißt, wie ein Hund. – Und doch drei Groschen täglich und die Kost! Woyzeck, das ist schlecht; die Welt wird schlecht, sehr schlecht!

Woyzeck: Aber, Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt.

Doktor: Die Natur kommt, die Natur kommt! Die Natur! Hab' ich nicht nachgewiesen, daß der Musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. – Den Harn nicht halten können! – Schüttelt den Kopf, legt die Hände auf den Rücken und geht auf und ab. – Hat Er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? Nichts als Erbsen, cruciferae, merk Er sich's! Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff 0,10, salzsaures Ammonium, Hyperoxydul – Woyzeck, muß Er nicht wieder pissen? Geh Er einmal hinein und probier Er's!

Woyzeck: Ich kann nit, Herr Doktor.

Doktor mit Affekt: Aber an die Wand pissen! Ich hab's schriftlich, den Akkord in der Hand! – Ich hab's gesehen, mit diesen Augen gesehen; ich steckt' grade die Nase zum Fenster hinaus und ließ die Sonnenstrahlen hineinfallen, um das Niesen zu beobachten. – Tritt auf ihn los: Nein, Woyzeck, ich ärgre mich nicht; Ärger ist ungesund, ist unwissenschaftlich. Ich bin ruhig, ganz ruhig; mein Puls hat seine gewöhnlichen sechzig, und ich sag's Ihm mit der größten Kaltblütigkeit. Behüte, wer wird sich über einen Menschen ärgern, ein' Mensch! Wenn es noch ein Proteus wäre, der einem krepiert! Aber, Woyzeck, Er hätte nicht an die Wand pissen sollen –

Woyzeck: Sehn Sie, Herr Doktor, manchmal hat einer so 'en Charakter, so 'ne Struktur. – Aber mit der Natur ist's was anders, sehn Sie; mit der Natur – er kracht mit den Fingern –, das is so was, wie soll ich sagen, zum Beispiel ...

Doktor: Woyzeck, Er philosophiert wieder.

Woyzeck vertraulich: Herr Doktor, haben Sie schon was von der doppelten Natur gesehn? Wenn die Sonn in Mattag steht und es ist, als ging' die Welt in Feuer auf, hat schon eine fürchterliche Stimme zu mir geredt!

Doktor: Woyzeck, Er hat eine Aberratio.

Woyzeck legt den Finger auf die Nase: Die Schwämme, Herr Doktor, da, da steckt's. Haben Sie schon gesehn, in was für Figuren die Schwämme auf dem Boden wachsen? Wer das lesen könnt!

Doktor: Woyzeck, Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck, Er kriegt Zulage! Zweite Spezies: fixe Idee mit allgemein vernünftigem Zustand. – Er tut noch alles wie sonst? Rasiert seinen Hauptmann?

Woyzeck: Jawohl.

Doktor: Ißt seine Erbsen?

Woyzeck: Immer ordentlich, Herr Doktor. Das Geld für die Menage kriegt meine Frau.

Doktor: Tut seinen Dienst?

Woyzeck: Jawohl.

Doktor: Er ist ein interessanter Kasus. Subjekt Woyzeck, Er kriegt Zulage, halt Er sich brav. Zeig Er seinen Puls. Ja.

Darüber hinaus erkannte Büchner, dass der Mensch in naturwissenschaftlicher Sicht zum seelenlosen Objekt der Zurschaustellung medizinischer Eitelkeiten und Vorurteile wird.


Der Hof des Doktors

Studenten und Woyzeck unten, der Doktor am Dachfenster.

Doktor: Meine Herren, ich bin auf dern Dach wie David, als er die Bathseba sah; aber ich sehe nichts als die culs de Paris der Mädchenpension im Garten trocknen. Meine Herren, wir sind an der wichtigen Frage über das Verhältnis des Subjekts zum Objekt. Wenn wir nur eins von den Dingen nehmen, worin sich die organische Selbstaffirmation des Göttlichen, auf einem so hohen Standpunkte, manifestiert, und ihre Verhältnisse zum Raum, zur Erde, zum Planetarischen untersuchen, meine Herren, wenn ich diese Katze zum Fenster hinauswerfe: wie wird diese Wesenheit sich zum centrum gravitationis gemäß ihrem eigenen Instinkt verhalten? – He, Woyzeck – brüllt – Woyzeck!

Woyzeck fängt die Katze auf: Herr Doktor, sie beißt!

Woyzeck fängt die Katze auf: Herr Doktor, sie beißt!

Doktor: Kerl, Er greift die Bestie so zärtlich an, als wär's seine Großmutter. – Er kommt herunter.

Woyzeck: Herr Doktor, ich hab's Zittern.

Doktor ganz erfreut: Ei, ei! Schön, Woyzeck! – Reibt sich die Hände. Er nimmt die Katze: Was seh' ich, meine Herren, die neue Spezies Hasenlaus, eine schöne Spezies ... – Er zieht eine Lupe heraus, die Katze läuft fort. – Meine Herren, das Tier hat keinen wissenschaftlichen Instinkt ... Die können dafür was anders sehen. Sehen Sie: der Mensch, seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen; bemerken Sie die Wirkung, fühlen Sie einmal: Was ein ungleicher Puls! Der und die Augen!

Woyzeck: Herr Daktor, es wird mir dunkel! – Er setzt sich.

Doktor: Courage, Woyzeck! Noch ein paar Tage, und dann ist's fertig. Fühlen Sie, meine Herren, fühlen Sie! – Sie betasten ihm Schläfe, Puls und Busen. – Apropos, Woyzeck, beweg den Herren doch einmal die Ohren! Ich hab' es Ihnen schon zeigen wollen, zwei Muskeln sind bei ihm tätig. Allons, frisch!

Woyzeck: Ach, Herr Doktor!

Doktor: Bestie, sall ich dir die Ohren bewegen? Willst du's machen wie die Katze? So, meine Herren! Das sind so Übergänge zum Esel, häufig auch die Folge weiblicher Erziehung und die Muttersprache. Wieviel Haare hat dir die Mutter zum Andenken schon ausgerissen aus Zärtlichkeit? Sie sind dir ja ganz dünn geworden seit ein paar Tagen. Ja, die Erbsen, meine Herren!

Doktor: Kerl, Er greift die Bestie so zärtlich an, als wär's seine Großmutter. – Er kommt herunter.

Woyzeck: Herr Doktor, ich hab's Zittern.

Doktor ganz erfreut: Ei, ei! Schön, Woyzeck! – Reibt sich die Hände. Er nimmt die Katze: Was seh' ich, meine Herren, die neue Spezies Hasenlaus, eine schöne Spezies ... – Er zieht eine Lupe heraus, die Katze läuft fort. – Meine Herren, das Tier hat keinen wissenschaftlichen Instinkt ... Die können dafür was anders sehen. Sehen Sie: der Mensch, seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen; bemerken Sie die Wirkung, fühlen Sie einmal: Was ein ungleicher Puls!


Da sich die akademische Medizin mit ihrer naturwissenschaftlichen Ausrichtung auf die rein materielle Körperlichkeit von Lebewesen konzentrierte und immer noch konzentriert, blieb die immaterielle Seite unbeachtet. Einige Mediziner erkannten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert diese Lücke und versuchten, sich diesen abgespalteten Seiten menschlichen Lebens spekulativ zu nähern: die Psychoanalyse kam auf.

Im ersten Teil seines großen Roman „Der Zauberberg“ (1924) näherte sich Thomas Mann mit feiner Ironie diesen zwei Seiten der Medizin zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Gestalten des Hofrates Behrens und des Arztes Dr. Krokowski. Der Schriftsteller orientierte sich bei der Kennzeichnung seiner fiktiven Figuren an ihm bekannten Persönlichkeiten: Hofrat Behrens lag als Vorbild der Klinikleiter von Davos Prof. Dr. Friedrich Jessen (1865-1935) zugrunde; und Dr. Krokowski vereinigte in sich Charakterzüge des Arztes und Psychoanalytikers Georg Groddeck (1866-1934) und des Mediziners und Psyiaters Richard von Krafft-Ebing (1840-1902).

Die noch nicht anerkannte psychoanalytische Lehre läßt Thomas Mann in Dr. Krokowski als verkörperte Heilandgestalt mit glühenden Augen, Wachsblässe, schwarzem Bart und Mönchssandalen auftreten, um dadurch spöttisch zu versinnbildlichen, dass sie das entthronte religiöse Prinzip beerben und die mythisch-ethische Nächstenliebe durch die egoistische-sexuelle Triebelehre ersetzen wolle:

Im vierten Kapitel des ersten Teiles des Romans, als sich Hans Castrop erst wenige Tage im Sanatorium aufhält, interessiert und skeptisch das Geschehen um ihn beobachtet, besucht er den Vortrag des Dr. Krokowski:


Analyse

Was redete denn Dr. Krokowski? In welchem Gedankengange bewegte er sich? Hans Castorp nahm seinen Verstand zusammen, um aufs laufende zu kommen, was ihm nicht gleich gelang, da er den Anfang nicht gehört und beim Nachdenken über Frau Chauchats schlaffen Rücken Weiteres versäumt hatte. Es handelte sich um eine Macht … jene Macht … kurzum, es war die Macht der Liebe, um die es sich handelte. Selbstverständlich! Das Thema lag ja im Generalthema des Vortragszyklus, und wovon sollte Dr. Krokowski denn auch sonst wohl sprechen, da dies nun einmal sein Gebiet war. Etwas wunderlich war es ja, auf einmal ein Kolleg über Liebe zu hören, während sonst immer nur von Dingen wie dem Übersetzungsgetriebe im Schiffbau die Rede gewesen war. Wie fing man es an, einen Gegenstand von so spröder und verschwiegener Beschaffenheit am hellen Vormittag vor Damen und Herren zu erörtern? Dr. Krokowskli erörterte ihn in einer gemischten Ausdrucksweise, in zugleich poetischem und gelehrtem Stile, rücksichtslos wissenschaftlich, dabei aber gesanghaft schwingenden Tones, was dem jungen Castorp etwas unordentlich anmutete, obgleich gerade dies der Grund sein mochte, weshalb die Damen so hitzige Wangen hatten und die Herren ihre Ohren schütteten. Insbesondere gebrauchte der Redner das Wort „Liebe“ beständig in einem leise schwankenden Sinn, so daß man niemals recht wußte, woran man damit war, und ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches bedeute, - was ein leichtes Gefühl von Seekrankheit erzeugte.

Unter allen Naturtrieben, sagte er, sei sie der schwankendste und gefährlichste, von Grund aus zur Verirrung und heillosen Verkehrtheit geneigt, und das dürfe nicht wundernehmen. Denn dieser mächtige Impuls sei nichts Einfaches, er sei seiner Natur nach vielfach zusammengesetzt, und zwar so, so rechtmäßig wie er als ganzes auch immer sei, - zusammengesetzt sei er aus lauter Verkehrtheiten. Da man nun aber, und zwar mit Recht, so fuhr Dr. Krokowski fort, da man es nun aber richtigerweise ablehne, aus der Verkehrtheit der Bestandteile auf die Verkehrtheit des Ganzen zu schließen, so sei man unweigerlich genötigt, einen Teil der Rechtmäßigkeit, auch für die einzelne Verkehrtheit in Anspruch zu nehmen. Das ist eine Forderung der Logik, und daran bitte er seine Zuhörer festzuhalten.

Allein dieser Sieg der Keuschheit sei nur ein Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl lasse sich nicht knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte Liebe sei nicht tot, sie liebe, sie trachte im Dunkeln und Tiefgeheimen auch ferner sich zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann und erscheine wieder, wenn auch in verwandelter, unerkenntlicher Gestalt … Und welches sei denn nur die Gestalt und Maske, worin die nicht zugelassene und unterdrückte Liebe wiedererscheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte die Reihen entlang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen Zuhörern. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen, nachdem er schon so manches gesagt hatte ... Die Frauen atmeten kaum: Staatsanwalt Paravant schüttelte rasch noch einmal sein Ohr, damit es im entscheidenden Augenblick offen und aufnahmefähig wäre. Da sagte Dr. Krokowski: In Gestalt der Krankheit! Das Krankheitssymptom sei verkappte Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte Liebe.

Nun wußte man es, wenn auch wohl nicht alle es ganz zu würdigen vermochten.

Es stellte sich heraus, daß Dr. Krokowski am Schlusse seines Vortrages große Propaganda für die Seelenzergliederung machte und mit offenen Armen alle aufforderte, zu ihm zu kommen. Kommet her zu mir, sagte er mit anderen Worten, die ihr mühselig und beladen seid! Und er ließ keinen Zweifel an seiner Überzeugung, daß alle ohne Ausnahme mühselig und beladen waren. Er sprach von verborgenem Leide, von Scham und Gram, von der erlösenden Wirkung der Analyse; er prieß die Durchleuchtung des Unbewußten, lehrte die Wiederverwandlung der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, mahnte zum Vertrauen, verhieß Genesung. Dann ließ er die Arme sinken, stellte seinen Kopf wieder gerade, raffte die Druckschriften zusammen, die ihm bei seinem Vortrage gedient hatten, und indem er das Päckchen, ganz wie ein Lehrer, mit der linken Hand gegen die Schulter lehnte, entfernte er sich erhobenen Hauptes durch den Wandelgang.

Nicht pathetisch, vielmehr nüchtern, sachlich und modern, weil auf der Höhe der Zeit naturwissenschaftlich Erkenntnisse stehend, vermittelt Hofrat Behrens sein Wissen an die jungen Leute, den Offiziersanwärter Joachim Ziemßen und den angehenden Schiffbau-Ingenieur Hans Castorp. Der Hofrat selbst ist Abhängiger und Anhänger des neuen technisch-kapitalistischen Zeitalters: Im Lungensanatorium ist er - wenn auch an leitender Stelle und mit hohem Gehalt - nur angestellt, denn die Klinik gehört einer Aktiengesellschaft, die „saftige Dividenden“ zu erwirtschaften hat. Er bedient sich mit den Röntgenstrahlen der neusten Diagnosetechnik, die den Einblick in das eigene Grab erlaubt, und gibt sich als Anhänger der biochemischen Physiologie aus – scheint letztlich aber nicht völlig übereugt davon.

Fünftes Kapitel. Humaniora

Hans Castrop schwieg. „Ja“, sagte er leise nach einer Pause, „es ist so, ich hätte gut Arzt werden können. Der Brustmilchgang... Die Lymphe der Beine... Das interessiert mich sehr. - Was ist der Körper!“ rief er auf einmal stürmisch ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das heute nachmittag, Herr Hofrat! Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es wissen!“

„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig Prozent, und davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett und Salz ausgesetzt ist, das ist so gut wie alles.“

„Aber, das Hühnereiweiß. Was ist das?“

„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie, wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich Ihnen denn noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“

„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. „Sehr gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anatomie des Grabes.“

„Ja, selbstredens. Das haben Sie übrigends schön gesagt. Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozusagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.“

„Fäulnis, Verwesung“, sagte Hans Castrorp, „das ist doch Verbrennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“

„Auffallend richtig, Oxydation.“

„Und Leben?“

„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt die schöne tierische Wärme her, von der man manchmals zu viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen – une destruction organique, wie irgendein Franzos es in seiner angeborenen Leichtigkeit mal genannnt hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so ist unser Urteil bestochen.“

„Und wenn man sich für das Leben interessiert“, sagte Hans Castorp, „so interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht?“

„Na, so eine Art von Unterschied bleibt ja immerhin. Leben ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.“

„Wozu die Form erhalten?“ sagte Hans Castorp.

„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, was Sie da sagen.“

„Form ist ete-pe-tete.“

„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich was Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte der Hofrat. „Ich werde nun melancholisch“, sagte er und legte seine riesige Hand über die Augen. „Sehen Sie, das kommt so über mich...“


Wenn Leben in Materie aufgeht und Seele im Trieb gerinnt, wird Menschsein Krankheit oder Krankheit menschlich. Diese Paradoxie moderner Medizin erkennt die Morgensternsche Logik aus Palmströms „Unmöglicher Tatsache“ (1910). Diese Absurdität gibt Joachim Ringelnatz poetisch der Lächerlichkeit preis:


Joachim Ringelnatz: Die Schnuftabakdose

Stumpfsinn in Versen (1912)


Es war einmal ein schlimmer Husten,

Der hörte gar nicht auf zu pusten.

Zwar kroch er hinter eine Hand,

Was jedermann manierlich fand.

Und doch hat ihn der Doktor Lieben

Mit Liebens Malzbonbon vertrieben.

Bemerkt sei noch: Für dies Gedicht

Bezahlte mich Herr Lieben nicht.


Ein Kehlkopf litt an Migräne

Und schrie wie eine Hyäne,

Er schrie sich wund.

Doch als ihm niemand zu Hilfe kam

Und niemand sein Geschrei vernahm,

War er auf einmal - - gesund.


Man muss nicht unbedingt wie Walter E. Richartz Roman Tod den Ärtzten. (1969) ausrufen; es reicht, das Spottlied vom Doktor Eisenbarth laut vernehmlich fortzuschreiben und zu singen:



Ich bin der Virologe Drosten,

und leb´ganz gut auf Eure Kosten

mit Schwindeltest von toten Viren

wird man Euch leicht zur Impfbank führen.

So wie der Doktor Eisenbarth

kurier auch ich auf meine Art.

Willewillewitt, bumbum!



Ich bin der Tierarzt Doktor Wiehler,

Dummschwätzer und Statistikspieler.

Ich bin Professor Lauterbach

halt Euch mit Schreck und Graus in Schach.

Ich bin Jens Spahn, weiblicher Mann

der nächst auch Bundeskanzler kann …

Willewillewitt, bumbum!



Wilma Ruth Albrecht, Sprach- und Sozialwissenschaftlerin (Dr.rer.soc., Lic.rer.reg.), Arbeitsschwerpukte 19. und 20. Jahrhundert, Bad Münstereifel. Letztes Buch ÜBER LEBEN. Roman des Kurzen Jahrhunderts (4 Bände, Verlag freiheitsbaum: Edition Spinoza, 2016/19). Netzseite https://wilmaalbrecht.de/


©Wilma Ruth Albrecht 2021

~ 30.000 GBZ)







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